GRÜNDUNGSKERN

Gründungskern von Neu-Isenburg mit Rathaus

Beim Grundriss handelt es sich um eine sogenannte Idealstadt, also um eine nicht organisch gewachsene, sondern auf dem Papier geplanten, nach bestimmten ästhetischen Gesichtspunkten, oder praktischen Erwägungen ausgerichtete Anlage. Zum Glück ist der Grundriss als eine der wenigen in Deutschland ideal geplanten und komplett ausgeführten Anlagen vollständig erhalten, und deshalb auch denkmalgeschützt. Es handelt sich um ein Quadrat von 250 Meter Seitenlänge, in dem zwei sich kreuzende Diagonalen die Hauptstraßen bilden. Die entstehenden Dreiecke werden nochmals durch die orthogonal verlaufenden Nebenstraßen unterteilt. Je ein spitzer Winkel der nun vorliegenden Achtel wird abgeschnitten, um den quadratischen Mittelplatz (Marktplatz) zu bilden, auf dem der Graf auf seine Kosten ein kleines Rathaus errichtete, es wurde 1708 fertig gestellt.

Der gräfliche Baumeister Andreas Löber hatte bereits am 01.07.1699 mit dem Abstecken des Waldes am Kalbskopf und der Ausmessung von 78 Hausplätzen unmittelbar an der Grenze des Frankfurter Stadtwaldes begonnen. Datiert ist ein Maßstab aus Messing „Isenburger Fuß“ mit dem der Graf die Siedlungsgrundstücke vermessen ließ.

Der Isenburger Fuß ist aus Messing angefertigt; seine Länge beträgt 29 cm. Die eingravierten Texte sind in französischer Sprache abgefasst. Auf der Breitseite steht übersetzt: „Jean Philipp Graf von Isenburg und Büdingen hat dieses Maß von 12 Zoll den Einwohnern von Isenburg gegeben, um ihr Feldmaß festzusetzen, welches 12 ½ mal 12 Zoll hält und für immer halten muss und womit auch alle Güter zu messen sind, angefangen am 1. Juli 1699.

Isenburger Fuß

Die Straßenführung innerhalb der quadratischen Fläche ist ein Kennzeichen des Alten Orts und wird häufig mit dem Andreas-Kreuz verglichen. Die vier Hauptstraßen liefen und laufen diagonal auf den Mittelpunkt zu, den Marktplatz. Ein Plan von 1732 unterscheidet bereits zwischen Gassen (la Rue) und Gäßchen (La Ruell oder Cul de sac, Sackgasse). Von Norden her kommen die Löwengasse (Rue de Francfort) und Pfarrgasse (Rue de Offenbach), von Süden her stoßen Kronengasse (Rue de Sprendlingen) und die Hirtengasse (Rue de four) auf den Platz zu. Heute entsprechen den Begrenzungslinien des Vierecks: die Karlstraße, Wiesenstraße, Offenbacher Straße, Frankfurter Straße. Vier kleine Gäßchen führten direkt zum Marktplatz wo Rathaus und Dorfbrunnen stand. Sie heißen auch heute noch: Kirchgäßchen, Brionsgäßchen, Luftgäßchen und Nollgäßchen.

Die Namen für Kronen- und Löwengasse kommen von den Gasthäusern. Die Pfarrgasse verdankt dem Pfarrhaus ihren Namen, in der Hirtengasse stand das Hirtenhaus. Weil am Ende dieser Straße das Gemeindebackhaus seinen Platz gehabt haben soll, wird sie auf dem alten Plan „Rue de four“, Backhausstraße genannt. Hintere der nördlichen Seitenlinie des Quadrats und somit auch hinter der Kirche (le temple) erstreckte sich der große Garten: le grand jardin oder le jardin derriere le temple.

Warum die Hugenottensiedlung den auffälligen Grundriss erhalten hat, dazu gibt es verschieden Erklärungen. Im Buch „Vom welschen Dorf zur Industriestadt“ steht zu lesen, man habe die klare Straßenführung wohl aus hygienischen Gründen gewählt. Die Häuser haben den ganzen Tag die Sonne. Der Satz: „Wo die Sonne nicht hinkommt, kommt der Arzt hin“, hatte schon damals Gültigkeit. Da jedes Grundstück einmal am Tag in der Sonneneinstrahlung stand, konnte der vor dem Haus lagernde Viehmist trocknen, Bakterien wurden abgetötet.

Folgt man der Deutung des Kunsthistorikers Albert Erich Brinckmann für den Grundriss der Stadt Karlsruhe, so ergibt sich Neu-Isenburg der Schluss: die Form der Anlage wurde deshalb gewählt, weil sie gegen die Scharen der Nachbarschaft wegen ihrer Übersichtlichkeit eine große Hilfe war. Vom Marktplatz aus konnte man den ganzen Ort unter Feuer halten und mit wenigen Männern beherrschen. Im Zeitalter des Barock wurden Städte in einer idealen Verteidigungsarchitektur angelegt: rund, radial, rechteckig oder quadratisch. So hat wohl der Erbauer der Hugenottensiedlung Andrea Löber ähnlich streng gestaltet. Bei diesen Städten liefen die Straßen auf einen Punkt zu, meistens ein Schloss. Eine Residenz besaß die dörfliche siedlung Neu-Isenburg nicht, dafür ließ der Graf Johann Philipp auf dem Marktplatz ein Rathaus errichten und schenkte es der Hugenottengemeinde.

Der gräfliche Baumeister Andreas Löber hat das Rathaus in seinen Abmessungen auf der Grundlage des Goldenen Schnitts, mit dem Durchmesser des Marktplatzes, dem Brunnen und der umgebenden Bebauung sorgfältig abgestimmt hatte. Es war ein zierliches Bauwerk, das in seiner unverwechselbaren Gestalt in Neu-Isenburg nie etwas Vergleichbares hatte.