HUGENOTTENRATHAUS

Geschichte des Rathausbaus

1702 vom Grafen Johann Philipp erbaut und in einer Schenkungsurkunde vom 16. Oktober 1710 der Hugenottengemeinde übereignet, widerstand es allen Stürmen der Zeit bis zum September 1876. Das Äußere des Rathauses hat die Malerin Irene Floeck aus Darmstadt in einem Ölgemälde festgehalten. Dieses Bild wahrscheinlich um 1870 entstanden.

Das Bild gibt aber keinen Aufschluss über Grundriss, Höhe und Einteilung des Baues. Bis heute ist Näheres in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Doch bereits 1951 hat der Neu-Isenburger Heimatforscher Georg Blaum beim Durcharbeiten der Gemeindeakten von 1849 eine Zeichnung mit allen Abmessungen gefunden und danach die Grundrisse und Ansicht mit allen Maßen gezeichnet, so dass es heute nicht mehr schwerfallen würde, das Gebäude wieder zu errichten.

Die Bauzeichnung

Die alte Zeichnung hat der Geometer Fink vom Kreisbauamt Offenbach angefertigt. Anlass war der Umbau des Rathauses im Jahre 1849. Das Rathaus stand im Mittelpunkt des Gemeindelebens. Der achteckige große Glockenturm mit dem Ratssaal, ruhte auf acht starken Eichenholzsäulen und lehnte sich an den kleineren Treppenturm an. Der Außenkreis-Durchmesser der Säulenhalle betrug 7 Meter. Da in jedem Achteck die Seiten zum Durchmesser nach dem „Goldenen Schnitt“ geteilt sind, fand diese in der Baukunst oft gebrauchte Einteilung hier zwangsläufig Anwendung. In der Mitte der offenen Halle stand ein Brunnen, der von der Gemeinde betreut wurde, und dessen vier hohe Steinsäulen das Gebälk des Ratssaales abstützten. Die Glockenseile liefen durch den Saal, so dass das Läuten von ebener Erde erfolgte. Der Sitzungssaal hatte eine Grundfläche von 36 Quadratmetern. Dieser Raum wurde bis zum Jahr 1849 durch ein eingebautes Gefängnis beengt. Der Gefangene konnte also hinter einer Bretterwand den Verhandlungen der Gemeindevertreter zuhören, konnte auch durch Randalieren stören. Doch jahrelang genügte dieser Zustand dem Bedürfnis und war somit, wie es scheint, erträglich.

Der Treppenturm stand nicht genau in der West-Ost-Achse, wie der große Turm, sondern war leicht nach Norden geschwenkt. Dadurch entstand eine Nische, wo die Uhrgewichte auf- und abliefen. Nach dem Umbau wurde die Nische als Schornstein ausgebaut. Oberhalb der Uhr hingen zwei Glocken. Dank der zentralen Lage des Rathauses konnte das Ortsoberhaupt, oder wer sonst noch im Rathaussaal zu tun hatte, mit Leichtigkeit die 4 Gassen und ebenso 3 Gäßchen übersehen konnte, während die Einwohner zum Ausgleich von jeder Gasse ohne weiteres die Uhr erblicken konnte.

Auf dem Rathausplatzplatz fanden jedes Jahr zwei Märkte statt. Einer Verordnung aus dem Jahre 1826 ist zu entnehmen, dass der erste Markt Dienstag vor Pfingsten und der zweite Markt (ein Flachs- und Hanfmarkt) am Dienstag nach Katharinen (25. November) abgehalten wurde.

Die große Instandsetzung 1849

Im Januar 1849 trat der Bürgermeister Philipp Lack, der seit 1831 die Geschäfte der Gemeinde führte, von seinem Amt zurück. Am 26. Januar übernahm der Holzhändler Philipp Schäfer den Posten des Bürgermeisters, den er bis 1856 ausübte. Schäfer war ein tatkräftiger und eifriger Kämpfer für die Erhaltung des Rathauses. 1876 war als Sprecher derjenigen aktiv, die sich mit aller Macht für den Bestand des historischen Bauwerks einsetzte. Bei Schäfers Amtsantritt war das Rathaus in einem sehr schlechten Zustand, denn die Zeit hatte dem Bau zugesetzt. Von allen Seiten war der Bau der Witterung preisgegeben und Spuren des Verfalls überall zu merken. Das Dach war undicht, besonders an der Westseite, der Regen drang bis in den Ratssaal. Der Glockenturm stand nicht mehr im Lot und die 4 Ziffernblätter die aus Sandstein bestanden, drohten abzubrechen. 1849 nahm man eine gründliche Überholung vor. Mit ihr erfolgte gleichzeitig auch ein Umbau. Das Gefängnis wurde aus dem Ratssaal in den Treppenturm verlegt. Ein Viertel der Säulenhalle im Erdgeschoss wurde zu einer Wachstube umgebaut, dazu musste ein Bogen zugemauert werden. Der Nachtwächter hatte jetzt einen großen heizbaren Raum.

Der Glockenstreit

Man war froh, dass das Rathaus durch die große Reparatur wieder in Ordnung war. Aber die Freude sollte nicht lange dauern, denn etwa drei Monate nachdem das Rathaus fertig war, bekam die große Glocke einen Sprung und einige Tage später wurde durch den Klöppel von der kleinen Glocke ein großes Stück abgeschlagen. Der Schaden an den Glocken war für die Gemeinde sehr unangenehm. Die konfessionsgebundenen Gruppen im Gemeinderat fanden neuen Nährstoff zu gegenseitigen Verdächtigungen, und es war so, dass eine Partei die andere mit Argusaugen bewachte, und selbst die geringsten Ursachen aufgriff, um so viel Beschwerde wie möglich gegeneinander aufzubringen. Die Unierten (Vereinigung verschiedener protestantischer Konfessionen) schoben die Beschädigung der Glocken den dem Bürgermeister in die Schuhe und behaupteten, die Schaden hänge mit der Rathausreparatur zusammen. Sie versuchten die notwendig gewordene Anschaffung neuer Glocken auf die reformierte Kirchengemeinde abzuwälzen. Deshalb beantragten sie die Anschaffung von 2 großen Glocken auf dem Kirchturm, während die reformierten Gemeindemitglieder für die Anschaffung von 2 kleinen Glocken für das Rathaus stimmten.

Unterdessen führte Bürgermeister Schäfer einen zähen Kampf um die neuen Glocken. Sein Plan war, 2 große Glocken für die Kirche und eine kleine Glocke für das Rathaus anzuschaffen. Im Februar 1853 trat eine Änderung durch die Neuwahl des Gemeinderates ein, der sich nun ausschließlich aus Reformierten zusammensetzte. Nun hatte der Bürgermeister zur Verwirklichung seiner Pläne, eine freundlich gesonnene Mehrheit auf seiner Seite. Acht Monate nach dem Zustandekommen der reformierten Mehrheit im Gemeinderat, wurden beim Glockengießer Bach aus Windecken drei neue Glocken bestellt. Die kleinste Glocke soll in dem Rathausturm aufgehängt und zum Läuten zur Schule und unter zur Steuererhebung benutzt werden. Das Geld zur Beschaffung lieh die Sparkasse Langen. Am 11. Juli 1853 läuteten erstmals die Glocken zur Probe. Der Glockenstreit hatte ein Ende gefunden.

Das Rathaus in den Kriegsjahren 1866, 1870/71

Bis zum 18. März 1856 war Philipp Schäfer Bürgermeister. Es folgte Lorenz Luft, der seit 1853 dem Gemeinderat angehörte. Zehn Jahre vergingen. Das Jahr des Deutschen Krieges 1866 rückte heran. Bürgermeister Luft war schwer krank, so dass der Beigeordnete Wilhelm Söhngen die Geschäfte der Gemeinde führte. Das Alte Rathaus, das seit 1702 viele fremde Truppen um sich sah, wurde nun Zeuge andauernder Einquartierungen. Im Juni 1866 rückte das 16. K.u.K. Infanterie-Regiment in Neu-Isenburg ein. Bei 483 Isenburger Familien wurde Quartier gemacht. Bis September folgten sechs weitere Regimenter. Für deren Verpflegung, für Pferdefutter, Arzneimittel etc. musste die Gemeinde Geld Anleihen.

Das Dach des großen Turms am Rathaus war inzwischen so schadhaft geworden, dass es neu gedeckt werden musste. Die Uhr war durch eindringenden Regen so beschädigt worden, dass man sich zur Anschaffung eines neuen Uhrwerks entschließen musste. Im Januar 1867 starb Bürgermeister Luft, sein Nachfolger wurde Ernst Koch. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt musste die kleine Glocke durch einen neue ersetzte werden. Unterdessen war das Dach des Rathauses wieder so schadhaft geworden, dass Regen und Schnee nicht nur in die Glockenstube, sondern bis in den Ratssaal drangen und allerhand Schaden anrichteten. Ein Dachdecker wurde mit der Neueindeckung beauftragt.

Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Für die Gemeinde kam der Krieg, wie überhaupt jeder Krieg, sehr ungelegen, denn er beanspruchte die Gemeindekasse und stellte dadurch manches in Frage. Im Januar 1871 stürzte die Decke des Ratssaals zum Teil ein, so dass er wegen Baufälligkeit nicht mehr benutzt werden konnte. Deshalb musste zur Erhebung der Steuer eine andere Lokalität im Gasthaus zum Löwen angemietet werden. Die Einwohnerzahl von Neu-Isenburg war inzwischen auf etwa 3.200 angestiegen und mit ihr die Zahl der Schulkinder. Die vorhandenen Räume im Schulhaus in der Pfarrgasse und im angemieteten Schulsaal im Gasthaus zur Krone, nicht mehr ausreichten. Die Gemeinde stand vor der Tatsache, schnell Schulräume zu schaffen. Deshalb wurde 1872 ein zweistöckiger Bau neben der Alten Schule errichtet.

Das Geld hierfür lieh Metzgermeister Lorenz Luft. Dieser Schulhausneubau war der Gemeinde wichtiger, als die Reparatur des Alten Rathauses. Außerdem hatte man neue Ausgaben durch die Einführung der ersten Straßenbeleuchtung mit 44 Laternen entlang der Bahnhofstraße bis zum Bahnhof.

Der Krieg von 1870/71 sah die Deutschen als Sieger.  Das Deutsche Reich wurde gegründet und ein neues Nationalgefühl geweckt.  Den Franzosen und was an sie erinnerte, galt wenig Sympathie. Kein Wunder, dass angesichts der neuen Lage die altersschwach gewordenen Erinnerungen aus der französischen Zeit des Ortes – das Alte Rathaus – bei vielen Neugeistern keine Liebe und Verehrung mehr fand.

Am 20. Juli 1872 fasste der Gemeinderat folgenden Beschluss, der auch beim Kreisamt in Offenbach genehmigt wurde:

  1. Das Rathaus abzubrechen
  2. Die Glocken vom Rathausturm auf dem Kirchturm unterzubringen
  3. Auf dem freien Platz ein Kriegerdenkmal zu errichten
  4. Den Brunnen zu verlegen
  5. Den freien Platz anzupflanzen und einzufrieden
  6. Die Umgebung zu pflastern
  7. Die Wohnung des Lahrers Schwöbel als Ratssaal zu benutzen


Anders dachte aber ein Großteil der Bürgerschaft. Es kam zu erregten Diskussionen und Protesten. Am 14. September 1872 wurde eine mit 261 Unterschriften versehene Protestliste dem Kreisamt in Offenbach überreicht. Die Bittschrift bestreitet die vorgebrachten Gründe des Gemeinderats und betont, dass das Rathaus ein Gebäude ist, woran die Bürgerschaft mit Vorliebe hängt, und welches sie nicht ohne die triftigsten Gründe geopfert haben will. Die Proteste verfehlen ihre Wirkung nicht und das Kreisamt verweist die Angelegenheit erneut an den Gemeinderat. Doch der Gemeinderat kann sich in seiner Sitzung am 2. November 1872 nicht ganz einigen. Das Resultat: Abbruch, aber Wiederaufbau an alter Stelle.